Jugendbildungsnetzwerk

Selbstverständnis

Linke Politische Jugendbildung – was ist das überhaupt?

Das gegenwärtige bürgerliche Bildungsverständnis ist am Projekt einer wettbewerbsfähigen Wissensökonomie orientiert und somit weitgehend im neoliberalen Denken gefangen. An den Hochschulen verblassen zunehmend die Erinnerungen an Zeiten ohne Credit-Point-System, ohne Studiengebühren oder ohne Vertreter_innen an Unternehmensständen im Audimax, die sich auf die jungen Bildungseliten stürzen.

In vielen Betrieben müssen die Azubis um die Einhaltung ihres Ausbildungsplans und ihre sauer verdiente Kohle kämpfen. Sie sollen sich als billige Arbeitskräfte in die Strukturen einfügen. Ursula von der Leyen gibt vor, in „Bildung“ großartig zu investieren, indem sie den ärmsten Kindern (mit deutschem Pass) ein bisschen Schulgeld für neue Bücher und Mittagessen gewährt – eine gönnerhafte Praxis, bei der die Ursachen für das eigentliche Problem, das hier aufblitzt und das eine immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich herbeiführt, geschickt ausblendet werden: Der Besitz an Produktionsmitteln, der Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um eine Existenz fristen zu können. Mit Bildung hat dies wenig zu tun. Aber auch dort, wo die Kinder der Mittelschicht lernen, wird das Wissen oft von den Lernenden selbst immer wieder auf seine Zweckmäßigkeit überprüft, zu einem späteren Zeitpunkt auch etwas auf dem Arbeitsmarkt damit anfangen zu können. Oft entstehen bereits während der Bildungsprozesse Konkurrenzverhältnisse zwischen den Lernenden.

Linke Politische Bildung – ob Erwachsenen- oder Jugendbildung – setzt diesem Begriff bewusst ein Verständnis von Bildung und Lernen als gemeinsamen Aneignungsprozessen entgegen. Bildung bewegt und Bewegung bildet. Linke politische Bildung setzt auf die Selbstveränderung von Menschen zu Aktivist_innen gesellschaftlichen Wandels. Besonders Jugendliche besitzen dabei ein Potenzial, Dinge neu und anders zu denken, Praxen in Frage zu stellen und zu verschieben.

Hier stellt sich die Frage, wer oder was genau als Jugend bezeichnet werden kann.

Jugend ist eine biografische Phase, die durch spezifische Lebensaufgaben und -prioritäten geprägt ist. Neugierde und die Suche nach alternativen Lebensmodellen, die in immer neuen sozialen Kontexten ausprobiert werden, sind dafür typisch, ebenso oft zugleich Ablehnung und Akzeptanz von tradierten Werten und gesellschaftlichen Institutionen. Linke politische Jugendbildung muss diese Neugierde und Kritik aufnehmen und konzeptionell beachten.

Ein emanzipatorischer Bildungsbegriff umfasst selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen und bewegungsnahe Bildungsansätze, die Jugendliche ermächtigen und ermutigen, ein kritisches Verhältnis zu Gesellschaft zu entwickeln und ausgehend davon aktiv Gesellschaft mitgestalten zu können. Linke politische Jugendbildung schafft für Jugendliche die Möglichkeit, sich Gesellschaftskritik anzueignen und zu entwickeln, unabhängig in welchen Strukturen sie sich organisieren und in welchen politischen Ausdrucksformen sie sich organisieren wollen. Die Zielgruppe reicht deshalb von der lokalen Jugendinitiative bis zum parteinahen Jugendverband. In dieser pluralen Spannweite sind Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit Bildungsziel und zugleich Bildungspraxis. Linke politische Jugendbildung nimmt die verschiedenen gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse in den Blick, stärkt die darin widerständigen Akteur_innen und versetzt sie in die Lage, sich mit Gesellschaft auseinanderzusetzen bzw. diese selbstbestimmt zu verändern und sich für emanzipative Entwicklungen einzusetzen. Sie soll Räume für gegenhegemoniale und gegenkulturelle Entwürfe schaffen, Experimente befördern, Modellprojekte generieren und zu solidarischer Kooperation anstiften. Linke politische Jugendbildung ist kein Nebenschauplatz oder abgegrenzter Probierraum politischer Bildung, sondern ein zentraler Ort der Auseinandersetzung im neoliberalen Angriff, der Infragestellung von Hegemonien und der Umgestaltung der Gesellschaft. Sie ist ein Innovationsraum, in dem neue Ideen und Methoden entwickelt oder erprobt werden. Die Akteur_innen der Jugendbildung fungieren als Katalysatoren für neue Themen, Zugänge und Debatten.

Aus dieser Perspektive heraus geht es uns ganz besonders um Personen, die ein hohes Maß an Bereitschaft zeigen, sich mit Gesellschaft auseinanderzusetzen und diese auf emanzipatorischen Wegen zu verändern. Das zu befördern und zu qualifizieren sowie verschiedene Praxen zu unterstützen, aus Erfahrungen anderer zu lernen und gemeinsames und solidarisches Agieren anzustoßen, ist Anliegen linker politischen Jugendbildung.